 |
Zeitung / Volksblatt WÜ |
17.07.2006 20:45:00 |
| |
| Würzburg stolpert über Naziopfer |
| |
| WÜRZBURG In Würzburg sind die ersten 18 Stolpersteine am Montag verlegt worden. Die Steine erzählen stumm die Lebensgeschichten von höchst unterschiedlichen Würzburgern, die eines gemeinsam haben: Sie wurden von den Nazis ermordet. Mit der Aktion soll dieser Opfer gedacht werden. |
| |
Um 930 Uhr war die Schönbornstraße noch nicht sehr belebt. Vor dem Kaufhof stand ein kleiner roter Lieferwagen. Der Fahrer lud seine Arbeitsgeräte aus. Mit Knieschutz nahm Gunter Demnig am Boden ruhig Maß, dann bat er die Umstehenden darum, Abstand zu halten. "Des Staubs wegen", schickte der Kölner Künstler hinterher.
Demnig legte Steine mit den Namen von Ernst, Jan und Ruth Ruschkewitz in das Loch, das er gerade gebohrt hatte. Ganz exakt, denn auch wenn die Steine Stolpersteine heißen, so sollen sie keine Hindernisse darstellen. Szenen wie diese wiederholten sich an diesem Montag an mehreren Orten in der Stadt.
Benita Stolz vom Aktionskreis "Würzburger Stolpersteine" merkte man die Erleichterung an. "Endlich war der lang gehegte Wunsch in Erfüllung gegangen", sagt sie. Für Oberbürgermeisterin Dr. Pia Beckmann sind es "Steine gegen das Vergessen - und heute wichtiger denn je." Mit der Aktion wolle man letztendlich erreichen, dass Fußgänger über Namen stolperten und sich mit den Schicksalen der Menschen auseinander setzten.
Nicht überall Begeisterung
Dr. Josef Schuster dankte allen Beteiligten für die Realisierung. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Würzburg erinnerte daran, dass die Aktion nicht überall auf Begeisterung stoße. Mal waren es Nachbarn, die nicht an die ehemaligen jüdischen Nachbarn erinnert werden wollten. Manchmal hatten die noch lebenden Angehörigen Bedenken.
Nach Schusters Überzeugung machen die Stolpersteine Geschichte greifbar: sie seien nicht besserwisserisch, belehrend, sondern informierten - wenn auch mit dürren Angaben. "Stolpersteine sind für mich eine positive Form des Gedenkens."
Über die Familie Ruschkewitz, die zu den bekanntesten Würzburger Familien gehörte und ein prominentes Opfer der Nazis war, berichtete Mariane Erben. Die Patenschaft für Ruschkewitzs übernahmen Stadt, Jüdische Gemeinde und eine Bürgerin.
Für eine demokratische Republik
Per Shuttlebus ging es zum Haugerring 10. Der Stein dort erinnert an den Gewerkschaftler Franz Wirsching. Der Sekretär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds habe sich für eine demokratische Republik eingesetzt, so Peter Baumann von ver.di. Wirsching starb am 13. Februar 1945 im KZ-Dachau.
Vor dem Haus Wolframstraße 1 hatte Andreas Roser vom Würzburger Schwulenzentrum eine Regenbogenfahne ausgebreitet. Dort lebte einst der Jurist Dr. Leopold Obermayer, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. "Es gibt nur wenige Plätze auf dieser Welt, an die die Regenbogenfahne besser passt als in die Wolframstraße 1", so Roser.
In der Benediktstraße 4, wo Steine für Lore und Max Kleemann sowie für Ernst und Ida Schulhöfer gelegt wurden, rezitierte Rabbiner Jakov Ebert ein Gebet in hebräischer Sprache. Ein neunköpfiges Orchester aus Riga (Kleemanns wurden in Riga ermordet) umrahmte die Verlegefeier musikalisch. Für Kleemanns hatte die Gustav-Walle-Schule die Patenschaft übernommen. Geschichtslehrer Iwars Baumerts aus Riga kann sich gut an seine Begegnung mit deutschen Gefangenen in seiner Heimat als Elfjähriger erinnern.
Weitere Steine wurden in der Friedensstraße 26 für Klara Oppenheimer (Patenschaft: Akademie Frankenwarte); am Pleidenturm 6 für Anneliese, Karl-Heinz und Waldemar Winterstein (Wirsberg-Gymnasium); in der Ursulinengasse 2 für Felix, Jakob und Moritz Fechenbach (Fechenbach-Kreis); in der Bibrastraße 2 für Fred Joseph (Pfadfinder) und in der Augustinerstraße 4 für Rosa Freudenberger (Volkshochschule) verlegt. |
| |
| |
|