Zeitung / Kitzingen 19.07.2006 14:49:00
 
Erinnerung an den Jungen von gegenüber
 
Kitzingen 16 neue "Stolpersteine" wurden in Kitzingen zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger verlegt. Am Dienstagabend trafen sich die Spender der Aktion auf Einladung des Fördervereins in der Alten Synagoge.
 
Der Bildhauer Gunter Demnig ist kein Mann, den es ständig in den Mittelpunkt drängt. Und eigentlich hatte er auch am Dienstagabend in der alten Synagoge nicht vorgehabt zu sprechen. Aber dann muss er doch etwas sagen: "Es wird immer gesagt, sie seien umgekommen. Umgekommen? Nein, sie sind nicht umgekommen. Sie wurden ermordet, das ist das richtige Wort."

"Der Mensch ist erst vergessen, wenn seinen Namen keiner mehr kennt"

Alte jüdische Weisheit

Ermordet. So steht es auf den meisten der "Stolpersteine", die der Kölner Bildhauer in bisher 168 Städten verlegt hat. Kleine Pflastersteine, die auf dem Boden nicht weiter auffallen würden, trügen sie nicht eine Haube aus Messing, in denen Namen und Daten eingeschlagen sind. Auch in Kitzingen, wo Demnig bereits 2004 die ersten Stolpersteine verlegte, erinnern seit Dienstag weitere 16 Messingplättchen an ehemalige jüdische Mitbürger, die während der Nazizeit, spätestens jedoch bei der großen Deportation 1942 ihre Heimat verlassen mussten und in den düsteren Orten der Vernichtung, in Belzec, in Auschwitz oder wo auch immer ermordet wurden.



So wie Horst Bauer, ein Teenager, der in der Kanzler-Stürtzel-Straße wohnte, gleich gegenüber der Fläche, auf dem jetzt das Armin-Knab-Gymnasium steht. Seine heutigen Altersgefährten gehen dort zur Schule, träumen von der Zukunft. Für Horst Bauer, dem das Unglück widerfuhr, in einem vom Rassenwahn befallenen Deutschland aufzuwachsen, gab es dagegen keine Träume: Das Leben des jüdischen Jungen aus Kitzingen endete 1942 im Konzentrationslager Belzec. Da war er 17 Jahre alt.

Für die Neuntklässler vom Armin-Knab-Gymnasium, die am Dienstagabend zu der kleinen Gedenkveranstaltung in die Alte Synagoge gekommen sind, ist Horst Bauer inzwischen so etwas wie ein Klassenkamerad. Im katholischen Religionsunterricht hatten sie sich zunächst mit der Aktion "Stolpersteine" beschäftigt. "Nachdem in einem Referat von den kleinen Tafeln auf Kitzingens Gehwegen die Rede war, wurde schnell beschlossen, dass die Klasse selbst eine Patenschaft für solch einen Stolperstein übernehmen wollte", berichtet Religionslehrer Christian Hanft. Die zwei Stunden Religionsunterricht reichten für solch ein Projekt nicht aus: Mit der neuen Online-Lernplattform des AKG "Moodle" arbeiteten die Schüler über den Unterricht hinaus zusammen. Und bald war auch klar, für wen der Stolperstein gelegt werden sollte - für Horst Bauer, den ermordeten Altersgefährten "von gegenüber".

"Das benötigte Geld für die Verlegung des Stolpersteins wollten die Schüler unbedingt selbst erwirtschaften", sagt Christian Hanft. Info-Plakate und Flyer wurden gestaltet und verteilt, ein Flohmarkt und ein großer Kuchen- und Muffin-Verkauf in der Schule brachten sogar mehr als die benötigten 95 Euro ein. Und seit Dienstag erinnert der Stolperstein vor dem Haus in der Kanzler-Stürtzel-Straße an Horst Bauer.

So wie durch die Schüler vom AKG wurde auch das Geld für die übrigen Stolpersteine durch private Patenschaften aufgebracht. Die meisten Paten sind am Dienstag in die kleine "Synagoge in der Synagoge" gekommen, wo Dagmar Voßkühler, Vorsitzende des Fördervereins, den Spendern ihren Dank ausspricht. "Und es wird weitergehen mit den Stolpersteinen", kündigt sie an.

Wann, das steht freilich noch nicht fest. Gunter Demnig jedenfalls will die Stolperstein-Aktion jetzt auch auf Europa ausweiten, obwohl ihm dafür nicht überall Tür und Tor geöffnet wird. In Frankreich zum Beispiel gebe es große Vorbehalte, berichtet er, dort wirke wohl die Erinnerung an die Kollaboration noch nach. Auch in Polen hat man es ihm nicht leicht gemacht: "Dort wollte man nur die Namen von "verdienten Männern" auf den Stolpersteinen sehen." Dennoch werde er im September den ersten Stein in der Nähe von Lodz verlegen. In Österreich beginne schon im August eine erste Stolperstein-Aktion, "Kopenhagen ist angefragt".

Dass auf dem Pflaster vieler Kitzinger Straßen inzwischen an die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert wird, geht indes nicht nur auf Demnigs Konto. Vor Ort war es Claudia Gonschorek, die vor einigen Jahren die Initiative für eine lokale Stolperstein-Aktion ergriff. "Heute freut es mich, dass ich Kitzingerin bin", sagt sie am Dienstag sichtlich bewegt in der Synagoge, "ich bin froh, dass die Stadt sich öffnet". Auch so manchem Widerstand gegen die Verlegung der Steine weiß sie etwas Positives abzugewinnen: "Das hält wenigstens die Diskussion wach."

Wach bleibt vor allem aber die Erinnerung. Denn "der Mensch ist erst vergessen, wenn seinen Namen keiner mehr kennt", zitiert Gunter Demnig eine jüdische Weisheit.