Zeitung / WÜRZBURG 11.06.2007 00:00:00
 
Bischof übernimmt Patenschaft
 
Seit fast einem Jahr werden sie verlegt. Zur Erinnerung an die Würzburger Opfer der Nationalsozialisten. Einschließlich der am gestrigen Montag verlegten 45 Steine sind es insgesamt 126. Mindestens 500 sollen verlegt werden. Einer der prominentesten Würzburger, der die Aktion unterstützt, ist Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, der gestern die Patenschaft für Dr. Magnus Weinberg übernahm. Weinberg war der letzte Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg vor ihrer Auflösung 1942.
 
 
"Ich finde, er hat mit dieser Geste ein wichtiges Zeichen der positiven Auseinandersetzung mit der Geschichte auch im Hinblick auf die eigene Kirche im Dritten Reich gesetzt. Das ist begrüßenswert." So reagierte Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg, auf die Patenschaft von Bischof Hofmann für Rabbiner Weinberg. Die Kirche, so Schuster, hätte aktiver sein können. Wenn Bischof Hofmann nun eine Patenschaft übernimmt, bringe er das gute Verhältnis der Religionen in Würzburg zum Ausdruck. Es sei wichtig, auch heute die Augen offen zu halten, damit ähnliche Fehlentwicklungen sich nicht wiederholten. Rosa und Dr. Otto Grimm ist es ein "persönliches Anliegen", die Patenschaft für Ruth Hanover (St.-Benedikt-Straße 20) zu übernehmen. "Wir waren mit Yehuda Amichai befreundet. Zeit seines Lebens hat er den Verlust der Schulfreundin nie verwunden." Tatsächlich setzte sich der Schriftsteller in dem Gedicht "Kleine Ruth" mit ihrem Tod auseinander. Ruth war die Tochter des Rabbiners Dr. Siegmund Hanover und seiner ersten Frau Klara. Mit elf Jahren verlor das Mädchen ein Bein bei einem Verkehrsunfall. Im November 1938 wurde der Vater in das KZ Buchenwald eingeliefert und musste sich verpflichten, Deutschland zu verlassen.

Im Rahmen einer Hilfsaktion des Verbandes der Israelitischen Gemeinden konnte sie im Januar 1939 in die Niederlande ausreisen. Die Eltern folgten im April und konnten über England in die USA emigrieren. Ruth musste in Amsterdam bleiben und lebte bei verschiedenen Gastfamilien. Aus dieser Zeit ist ein relativ umfangreicher Briefwechsel mit Familienangehörigen in New York und Haifa erhalten. Einer dieser Briefe las Aaron Schuster, der zufällig im denselben Haus wohnt, vor. Es sei beklemmend und bedrückend, wenn man lese, was sie mitgemacht habe, sagte er.

In der Klasse 10d der Jakob-Stoll-Realschule gab es einen wichtigen Satz zur Teilnahme an dem Stolperstein-Projekt: "Wenn wir dabei etwas lernen können". Das war Bedingung und Zustimmung zugleich. Daraufhin recherchierten mehrere Schüler unter anderem im Internet. Danach wurden der Klasse mehrere Schicksale vorgestellt, die für eine Patenschaft geeignet wären. Sie entschied sich für Dr. Sally Mayer (Konradstraße 7). "Allein schon die Beschäftigung mit diesen Menschen hat erreicht, dass wir uns die historischen Ereignisse besser vorstellen können", sagte Lehrerin Jutta Pallasch. "Durch die wenigen Einzelschicksale kam uns die Zahl der Opfer viel größer vor."

Im Geist verwandt

Im Geist verwandt sei er mit Eugen Stahl (Konradstraße 9), sagte Karl Graf. "Stahl war nicht nur ein Textilhändler wie ich, sondern engagierte sich in der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, in der auch namhafte Politiker wie Friedrich Naumann oder Theodor Heus waren." Am 17. Juni 1943 wurde Eugen Stahl zusammen mit seinen Schwestern Jenny und Johanna nach Auschwitz deportiert. Das war der letzte Deportationszug von Würzburg - von nun an gab es keine Juden mehr in Würzburg. "Wir wissen von dem heute in Jerusalem lebenden Zeitzeugen Mordechai Ansbacher, dass Dr. Johanna (Henny) Stahl sich, obwohl eher zierlich von Gestalt, in ihrer unermündlichen Tätigkeit für andere förmlich aufrieb, immer bemüht, Bedürftigen und Schwachen zu helfen", sagte Rosa Grimm. Henny Stahl hatte 1938 eine Gelegenheit zur Emigration, denn die Auswanderungsbehörde hatte ihr erlaubt, ihren in Paris lebenden Bruder Leo zu besuchen. "Sie kehrte indessen nach dieser Reise nach Würzburg zurück, wahrscheinlich, um sich weiterhin den Herausforderungen ihrer sozialen Tätigkeit zu stellen." In Würzburg ist am Heuchelhof auf Grund einer Initiative der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken eine Straße nach Dr. Johanna Stahl benannt.

Der jüdische Pädagoge Selig Steinhäuser (Sartoriusstraße 6) ist mit der David-Schuster-Realschule verbunden. Er war nicht nur Lehrer und Rektor von David Schuster, dessen Namen die Schule erst vor kurzem erhalten hat. Er wirkte als Lehrer und stellvertretender Rektor an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt. Die Schüler wollten erinnern, dass Selig Steinhäuser nie aufgegeben habe, sich für Kinder und Jugendliche einzusetzen, so Pfarrerin Angelika Wagner. "Gerade in dieser Phase, die für Juden sehr schwer war, gab er seinen Schülern die Möglichkeit, sich fortzubilden und eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln."