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Ida (Adelheid) Weil, geb. Kastanienbaum

 
geboren am 06.05.1870 in Külsheim/Baden
Straße  Petrinistraße 35
Stadtteil
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatumunbekannt
Todesortunbekannt
   
Am 23.09.1942 nach Theresienstadt deportiert und am 05.02.1945 vom Roten Kreuz mit einem Transport in die Schweiz gerettet; als der Stolperstein 2008 verlegt wurde, war noch nicht bekannt, dass Ida Weil die Deportation überlebt hatte.
   
Am 6. Mai 1870 kam Ida (Adelheid) Weil als dritte von vier Töchtern des Ehepaars Simon (1843-1895) und Jette Kastanienbaum, geb. Stiefel, verw. Scheuer (1832-1900) in Külsheim in Baden zur Welt. Dort war die große Familie spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ansässig.
Ihr Vater Simon Kastanienbaum war Eisenhändler, sammelte also Schrottteile und Alteisen, um diese weiter zu verkaufen, ebenso wie Simons Bruder Moses (1836-1915), der 1873 nach Würzburg gezogen war. 1882 folgte ihm Simon mit seiner Familie, um sich dort im Alter von 40 Jahren eine neue Existenz aufzubauen. Das Ehepaar hatte zu diesem Zeitpunkt vier Kinder zwischen neun und 16 Jahren: Zerline (Jg. 1866), später verh. Sommer, Rebekka (Jg. 1869), Ida und Therese (Jg. 1873). Sowohl Zerline als auch Therese wanderten vor 1900 in die USA aus und ließen sich in New York nieder. Die Tochter von Zerline, Rosa Sommer, blieb in der Obhut der Großeltern bzw. der Tanten zurück.
Ob und wo Ida und ihre Schwestern nach der Schule eine Ausbildung absolvierten, ist unklar. Rebekka (Rika, Ricka) und Ida arbeiteten jedenfalls im väterlichen Geschäft. Als der Vater 1895 bereits im Alter von 51 Jahren starb, übernahmen die beiden Schwestern den Betrieb.
Ende Januar 1908 heiratete Ida in Würzburg den Händler Sally (Salomon) Weil (1877-1943) aus Gailingen. Das Ehepaar Weil hatte zwei Kinder. Noch im Jahr der Hochzeit, die im Januar 1908 stattfand, war Siegbert (1908-1941) zur Welt gekommen, zwei Jahre später seine Schwester Ilse Irmgard (1910-1998). Der Sohn absolvierte in Würzburg nach der Oberrealschule eine kaufmännische Ausbildung und emigrierte im September 1933 über die Schweiz nach Paris. Er konnte 1934 nach Palästina auswandern, wo er sich eine neue Existenz aufbaute. Dort heiratete er 1935, bekam eine Tochter, diente als britischer Soldat und starb nach Informationen der Tochter 1941 bei einem italienischen Luftangriff. Seine Schwester Ilse wuchs in einer Pflegefamilie in der Schweiz auf, war zunächst mit einem Herrn Blum und anschließend mit Heinz Lebowitsch (1908-1967) verheiratet. Sie starb 1998 in Zürich. br> Idas Ehemann Sally war im Jahr der Heirat ebenfalls ins Geschäft eingestiegen. Neben Alteisen und –metall handelte die Firma Kastanienbaum nun auch mit Lumpen, altem Papier und Rohprodukten. Wer von den Schwestern und Sally Weil jeweils welche Funktion in den Sparten des Betriebs hatte, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Ida meldete das Gewerbe 1917 ab und übergab es ihrem Mann Sally. Der lebte ab 1919 unter anderen Adressen als Ida. Vermutlich liegt in diesem Zeitraum die Trennung der beiden. Sicher ist, dass sich die Schwester Rebekka aus dem Berufsleben zurückzog und 1930 in das Altenheim der Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung in Würzburg einkaufte, wohin sie ihren Wohnsitz verlegte. Um 1934 verließ Sally Weil Würzburg und emigrierte über die Schweiz nach Vaduz/Liechtenstein, wo er 1943 starb.
Ilses Versuche, ihre alleinstehende Mutter nach 1933 dazu zu bewegen, in das sichere Nachbarland zu emigrieren, blieben vergebens. Nicht lang nach der Schließung der Firma und dem Verkauf des Geschäftsstandorts am Inneren Graben zog Ida Weil in die Petrinistraße 35, wo auch ihre Nichte Rosa Sommer mit ihr wohnte und vorher ihr Mann Sally gewohnt hatte. Sie sah sich später genötigt, in das jüdische Alten- und Pfründnerhaus an der Dürerstraße 20 zu ziehen. Eine Bestätigung über die Staatsbürgerschaft von El Salvador vom 6. Oktober 1942, die vermutlich von ihrer Tochter beim Ersten Sekretär des Salvadorianischen Konsulats in Genf, George Mandel-Mantello, für Ida Weil beantragt worden war, erreichte die Mutter nicht mehr rechtzeitig vor der Deportation.
Denn am 23. September 1942 startete der Transport aus Würzburg, in dem auch Ida Weil saß. Bei den Kontrollen im Vorfeld waren ihr noch letzte Privatgegenstände abgenommen worden: dazu zählten 30 Mark Bargeld, ein Füllfederhalter, etwas Schmuck sowie Bilder und Briefe. In Theresienstadt angekommen, wurden die Würzburger Deportierten in Räumen untergebracht, in denen so wenig Platz war, dass sie bisweilen aufeinander liegen mussten. Dies geht aus einem Bericht hervor, den Ida Weil kurz nach ihrer Befreiung über ihre Zeit im Lager verfasste. Die Koffer, deren Rückgabe man den Besitzern versprochen hatte, wurden ihnen nicht ausgehändigt – im Winter fehlten also warme Kleidungsstücke: „Ich bin bald erfroren, […] da mußte [ich] bei Schnee und Eis und ganz dünnen Strümpfen und Sommerkleid bei der größten Kälte herumlaufen […]. Kälte nicht zum Aushalten.“
Drei Umstände begünstigten das Überleben Ida Weils in Theresienstadt. Sie selbst war an erster Stelle der Auffassung, dass sie die Lagerzeit nur überstanden habe, weil sie sich mit dem Gedanken stärkte, ihre Kinder eines Tages wiedersehen zu können. Zum anderen hatte auch ihre Tochter sie nicht vergessen. Während der Zeit im Lager schickte Ilse aus der Schweiz insgesamt 24 Versorgungspakete an Ida Weil, doch nur fünf davon kamen bei ihr auch an. In der Familie von Ida Weil geht man davon aus, dass die Aufseherin, die die Päckchen an sich nahm, dafür sorgte, dass Ida nicht weiter deportiert wurde. Denn dann wäre es mit dem Nachschub vorbei gewesen. Ida blieb also am Leben, litt aber wie alle Lagerinsassen unter schrecklichem Hunger. Nach eigenen Aussagen nahm sie während der Zeit in Theresienstadt gut 40 Kilogramm ab. Der dritte Grund für ihr Überleben dürfte also eine stabile physische Konstitution gewesen sein mit einem Ausgangsgewicht, das einen solchen Gewichtsverlust verkraften ließ. Wie alle Überlebenden hatte sie aber auch schlicht und einfach Glück.
In Theresienstadt traf Ida Weil laut eigenen Angaben auf einige Verwandte aus Würzburg, die jedoch ungenannt bleiben. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen, mangelnder medizinischer Versorgung und/oder der völlig unzureichenden Ernährung starben sie alle. Die erste war ihre Schwester Ricka, deren Leben bereits zwei Wochen nach der Ankunft in Theresienstadt endete. Vielleicht war sie krank – und deshalb auch bereits so früh ins Altenheim gezogen. Ida Weil überstand hingegen fast 30 Monate Lagerhaft. Sie wurde mit einem Rot-Kreuz-Transport am 5. Februar 1945 in die Schweiz evakuiert. Weitere zwei Monate musste sie in Quarantäne bleiben, ehe sie schließlich ihr letztes Lebensjahr im Altenheim von Lengnau in der Nähe ihrer Tochter verbringen konnte.
Ida Weil starb am 30. August 1946 mit 76 Jahren in Lengnau. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof zwischen Endingen und Lengnau im Kanton Aargau beigesetzt. Hier entdeckte Jürgen Hanke (Kronach) 2013 ihren Grabstein. Idas Enkel André Blum stellte 2014 neben Fotos und weiteren Dokumenten den Bericht seiner Großmutter zur Verfügung, der so viele Details zu ihrer Zeit in Theresienstadt enthält.
Biographie erstellt Februar 2008, ergänzt Oktober 2018.
Foto: André Blum
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, Bd.I, II, S. 294, 567, 655 f;
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 23.09. – 24.09.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/II26-24.jpg (22.06.2016);
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1882-1941; Einwohnermeldebogen Ida Kastanienbaum, Simon Kastanienbaum, Ricka Kastanienbaum, Salomon Weil, Grundliste Innerer Graben 20;
Meine Erlebnisse in Theresienstadt vom 26. Februar [= September] 1942 – bis Februar 1945. Bericht von Ida Weil, Lengnau 1945/46, Scan JSZ;
Claims Resolution Tribunal, http://www.crt-ii.org/_awards/_apdfs/Weil_Siegbert.pdf (25.09.2018);
Informationen von André Blum, 2012/13;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de?result#frmResults;
Biografische Datenbank Jüdisches Unterfranken, Informationen zu Ida Weil und ihre Angehörigen, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/;
Angehörige der Familie Kastanienbaum in Külsheim, http://spengler.li/otto/juden_geboren_kuelsheim.htm (15.11.2015);
Suche nach dem Schicksal von Angehörigen bei Familysearch, https://familysearch.org.
Autorin / Autor d.o.k., JSZ, Ingrid Sontag
Paten Die Pfarrei St. Josef, Herr Pfarrer Treutlein
   
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