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Alfred Hanauer

 
geboren am 17.11.1893 in Wiesenfeld (Ufr.)
Straße  Rennweger Ring 14
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum27.11.1941
Todesdatumunbekannt
Todesortin/bei Riga-Jungfernhof
   
deportiert am 27.11.1941 nach Riga, Außenlager Jungfernhof, ermordet vermutlich im Winter 1941/42 dort oder in der Nähe
   
Alfred Hanauer stammte aus einer Viehhändlerfamilie in Wiesenfeld (Eltern: Abraham und Hannchen Hanauer, geb. Fink) und wuchs mit drei Brüdern und einer Schwester auf. Nur der älteste Bruder blieb als Viehhändler dort. Alfred besuchte zunächst die Volksschule in Wiesenfeld und Maßbach/ Unterfranken. Dann absolvierte er eine Kaufmannslehre in Würzburg und besuchte gleichzeitig 3 Jahre lang eine Fortbildungsschule. Zwischen 1909 und 1913 arbeitete er in verschiedenen Städten als Kaufmann, bevor er zwischen 1913 und 1918 Militär- und Kriegsdienst an der Westfront und zu Hause leistete. Im Juli 1915 an beiden Beinen und Armen schwer verwundet wurde er nach der Genesung zwar zunächst entlassen, im Sommer 1917 jedoch erneut als Schreibgehilfe eingezogen. Er erhielt diverse militärische Auszeichnungen und bekam eine 40-prozentige Kriegsrente.

Nach dem Krieg arbeitete er in einer Großhandelsfirma in Würzburg, wo auch sein älterer Bruder Felix lebte, und gründete im April 1923 mit diesem das Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft Gebrüder Hanauer. Die Firma betrieb sowohl die Fertigung wie auch den Großhandel. 1928 heiratete Alfred Hanauer die aus München stammende Hella Leiter, 1929 wurde der Sohn Hans Arno (John) geboren. Alfred war Mitglied im jüdischen Turn- und Sportverein und politisch nicht aktiv, stand aber der BVP nahe. Er war relativ groß und von kräftiger Statur, trug elegante Kleidung und eine goldene Taschenuhr im Lederfutteral, seine Zigarren führte er stets in einem Lederetui mit sich.

Für sein Vermögen, das zum Januar 1935 mit 36.000 RM angesetzt worden war, musste Alfred Hanauer im November 1938 10.000 RM als Sicherheit für die Reichsfluchtsteuer zahlen. Der Assistent des Gauleiters, der in der Wohnung unter Hanauers wohnte, hinderte den Nazi-Mob während des Novemberpogroms daran, das Gebäude zu betreten. So entging die Wohnung der Hanauers der Verwüstung. Der Sohn Hans wurde auf dem Weg zur Schule vom Chauffeur - in brauner Uniform - mit dem Auto der Familie aufgesammelt, um nicht den randalierenden Nazis an der ILBA in die Hände zu fallen. Den ersten Versuch zur Verhaftung im Büro konnte Alfred unter Hinweis auf seine Kriegsverwundungen abwenden; er wurde dann aber noch am gleichen Tag in der Wohnung in "Schutzhaft" genommen. Nach der Verlegung ins Polizeigefängnis am Rande des Hofgartens (14.11.1938) gelang es Frau und Sohn, ihn täglich zu einer festgelegten Stunde am Fenster zu sehen. Nach einer Woche wurde er aus der Haft entlassen und vermutlich aufgrund seiner Kriegsverletzungen nicht in ein KZ eingeliefert. Im Februar 1939 folgte die "Arisierung" der Firma Gebr. Hanauer und das Ehepaar Hanauer musste im Sommer 1939 aus seiner Wohnung ausziehen. Für etwa zwei Jahre lebten sie in der Hindenburgstraße 36, wo sie nach einiger Zeit ein Zimmer untervermieteten.

Spätestens im Sommer 1939 reagierten die Hanauers auf den Ernst der Lage: Sie trennten sich nicht nur von ihrem 10-jährigen einzigen Sohn, für den eine in England lebende Nichte eine Gastfamilie gefunden hatte, sondern bemühten sich auch um die eigene Emigration in die USA. Vorsorglich ließ sich Alfred Hanauer auch vom Bürgermeister von Wiesenfeld seine Kompetenz in der Landwirtschaft bestätigen. Erst knapp zwei Jahre später jedoch schien die Nummer auf der Visumwarteliste Anlass zur Hoffnung und zu konkreten Schritten zu geben: Die Hanauers ließen sich von drei, später sogar vier Personen in den USA Bürgschaften ausstellen. Alfreds Bruder Philipp und seine Frau Rebekka gehörten dazu, die noch nicht einmal ein Jahr in den USA in New York lebten und nur wenig Geld verdienten; ferner ein sehr wohlhabender Freund, Isaac Schuster in Danville sowie der Vetter Erich Silbermann aus New York. Und doch gelang die Auswanderung nicht, so dass die Verwandten in New York nach neuen Möglichkeiten suchten und sich um Visa für Kuba bemühten.

Von der Wohnungsdurchsuchung bei "vermögenden Juden nach Hamsterware" um die Jahreswende 1940/41 blieb auch Alfred Hanauer nicht verschont: Man beschlagnahmte zwei Pakete Nähfaden, vier Metallteller und einen Silbertaler. Wegen so genannter Devisenvergehen wurde er zu einer Strafe von 100 RM verurteilt, von seinen Rücklagen durfte er monatlich einen Betrag von 250 RM ausgeben. In den letzten Monaten vor der Deportation mussten die Hanauers noch zwei Mal die Wohnung wechseln, lebten erst in der Martinstraße 11 und zuletzt in der Faulenbergstraße (ohne Nummer). Die obligatorischen Vermögenserklärungen direkt vor der Deportation zeigt, dass das Ehepaar wenigstens noch Möbel und Wäsche für ihren Alltag besaß sowie knapp 13.800 RM an Geld und Wertpapieren.

Am 27.11.1941 wurde Alfred Hanauer zusammen mit seiner Frau Hella und seinem Bruder Felix nach Riga deportiert, in das Außenlager Jungfernhof gebracht und vermutlich dort bzw. in der Nähe in den folgenden Wochen oder Monaten ermordet.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 234 f.;
Familienüberlieferung (John und David Hanauer);
Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 346;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de831343, (27.05.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=de&s_lastName=hanauer&s_firstName=alfred&s_place=&itemId=1812970&ind=1&winId=8635788469281016907 (27.05.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Riga, Abfahrtsdatum: 29.11.1941, http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411129-Wuerzburg2.jpg (07.06.2016).
Autorin / Autor Rotraud Ries
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