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Hugo Sichel

 
geboren am 19.12.1880 in Würzburg
Straße  Bismarckstraße 13
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum19.10.1941
Todesdatumunbekannt
Todesortunbekannt
   
deportiert am 19.10.1941 von Frankfurt/Main nach Litzmannstadt (Lodz); Todesort und Todesdatum unbekannt
kein Stein verlegt
   
Hugo Sichel kam am 19.12.1880 als einziges Kind des Kaufmanns Amson Sichel (1850-1901) und seiner Ehefrau Anna Sichel, geb. Goldschmidt (1859-1942), in Würzburg zur Welt.

Sein Vater stammte aus einer Gemündener Kaufmannsfamilie, war seit 1875 in Würzburg ansässig und gründete mit seinem Schwager Louis Klau (1847-1901) die Tuchgroßhandlung Klau & Sichel mit Geschäftsräumen und Büros in der Theaterstraße 21, Kaiserstraße 10 und 26 in Würzburg. Seine Mutter Anna Sichel wurde in Mainbernheim/Ufr. als Tochter des Weinhändlers Louis Goldschmidt geboren.

Hugo Sichel wuchs in Würzburg auf, absolvierte aber einen Teil seiner kaufmännischen Ausbildung in Gemünden, dem Geburtsort seines Vaters (um 1897/1898). Anschließend trat er in die inzwischen sehr erfolgreiche Tuchgroßhandlung Klau & Sichel als kaufmännischer Angestellter ein.

Als Louis Klau und Amson Sichel innerhalb von zwei Monaten Anfang 1901 starben, entschloss sich Hugo Sichel im Alter von 21 Jahren, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. In Hermann Kleemann (1869-1937), der bereits lange Zeit als Prokurist in der Firma tätig gewesen war, fand er einen erfahrenen und zuverlässigen Teilhaber.

Nach der Konsolidierung der Firma konnte Hugo Sichel daran gehen, eine Familie zu gründen. Im September 1904 fand in Würzburg die Hochzeit mit Martha, geb. Sußmann (Jg. 1881) aus Tauberbischofsheim statt. Dort war ihr Vater Julius Sußmann (1852-1919) Teilhaber einer Schuhwarengroßhandlung gewesen. Ihre Mutter Fanny Sußmann, geb. Sondheimer (1857-1940), stammte aus Lendershausen/Ufr. Seit 1898 lebte die Familie Sußmann jedoch schon in Würzburg, in direkter Nachbarschaft zur Familie Sichel in der Bismarckstraße 14. So ist davon auszugehen, dass sich das Paar schon lange Zeit kannte. Margot Sichel, das einzige Kind von Hugo und Martha, war am 2. Dezember 1912 geboren worden.

Während des Ersten Weltkrieges musste Hugo Sichel Kriegsdienst leisten. Doch er hatte Glück, überlebte den Krieg und kehrte mit Auszeichnungen wie dem Ludwigskreuz und der Rotkreuzmedaille zurück.

Unter der Leitung von Hugo Sichel und Hermann Kleemann prosperierte die Tuchgroßhandlung, so dass die beiden Inhaber daran denken konnten zu expandieren. Sie eröffneten in Frankfurt a.M. in der Kaiserstraße 65 eine Filiale. Zeitgleich entwickelte sich die Stadt Aschaffenburg a.M. zu einem führenden Zentrum der deutschen Textilindustrie. Die Firma Klau & Sichel gründete dort eine Damenoberbekleidungsfabrik, die bald zu den größten und erfolgreichsten in Aschaffenburg zählte.

Hugo Sichel war nicht nur ein angesehener und erfolgreicher Würzburger Firmeninhaber, sondern setzte sich auch ehrenamtlich im sozialen Bereich ein, so z. B. um 1919 als Mitglied des Städtischen Armenrats. Politisch war er in der linksliberalen DDP im Vorstand aktiv und leitete den Finanz- und Sekretariatsausschuss. Bis zu seinem Ausschluss um 1933 bestand eine Mitgliedschaft bei der Industrie- und Handelskammer.

In der jüdischen Gemeinde gehörte Hugo Sichel zu den führenden Liberalen und war, zusammen mit seiner Ehefrau Martha und seiner Tochter Margot, Mitglied im Jüdischen Kulturbund.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und den ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Firmen, begann auch für Familie Sichel die Katastrophe. Wahrscheinlich, um ihr das zu ersparen, ermöglichte das Ehepaar Sichel seiner Tochter Martha um 1933/34 einen Aufenthalt in Cambridge/ England. Ob sie dort eine Ausbildung oder ein Studium machte, ist nicht bekannt. Der Erwerb von Englisch-Kenntnissen war auf jeden Fall gut für eine spätere Emigration.

Als die „Arisierungen“ jüdischen Eigentums einsetzten, verlor Hugo Sichel binnen kürzester Zeit seinen gesamten Besitz und seine Existenzgrundlage. Eine besondere Rolle spielte dabei Gauleiter Otto Hellmuth, der einen privaten Rachefeldzug gegen die jüdischen Gewerbetreibenden führte, die ihm schon lange ein Dorn im Auge waren.

Im Juni 1936 traf es zunächst das Wohnhaus der Sichels in der Bismarckstraße 13, das von Hugos Vater Amson errichtet worden war. Es wurde für 65 000 RM verkauft.

Kurz darauf starb im September 1937 der langjährige Teilhaber der Firma Hermann Kleemann. Die Enteignung der Tuchgroßhandlung Klau & Sichel musste er nicht mehr miterleben. Diese wurde im Dezember 1937 „arisiert“ und von einem früheren Angestellten und mit einem Kompagnon weitergeführt. Ebenso verlor Hugo Sichel im Februar 1938 das Wohn- und Geschäftshaus in der Würzburger Kaiserstraße 26, bisher Sitz der Firma Klau & Sichel. Im April 1938 kam es zur „Arisierung“ der Aschaffenburger Damenoberbekleidungsfabrik, u.a. in der Weißenburger- und Frohsinnstraße, mit der dazugehörenden Filiale in Köln.

Im Mai 1938 musste die Familie Sichel auch das Gartengrundstück mit Gartenhaus, das am Würzburger Ständerbühl lag, verkaufen. Im November 1938 wurde schließlich die Zweigstelle der Tuchgroßhandlung in der Frankfurter Kaiserstraße 65 „arisiert“.

Zu dieser Zeit lebte Hugo Sichel schon länger nicht mehr in Würzburg. Die Familie hatte im September 1937, in der Zeit um Hermann Kleemanns Tod, ihre Heimatstadt verlassen und war nach Frankfurt a.M. gezogen. Wahrscheinlich wollten sie den ständigen Bedrohungen in Würzburg entkommen und hofften auf die Anonymität der Großstadt. Sie lebten dort bis 1940 in der Elsa- Brandström-Straße 3 und anschließend in der Beethovenstraße 40 im Stadtteil Westend.

Hier stellten Hugo, Martha und Margot Sichel Ausreiseanträge in die USA. Doch nur der Tochter Margot gelang die Emigration um 1939 nach England, musste aber bald wieder nach Deutschland zurückkehren. Von dort emigrierte sie nach Südrhodesien/Afrika. Nur sie hatte das Glück zu überleben. Hugo Sichels 82-jährige Mutter Anna, die seit wenigen Monaten im jüdischen Altenheim in Würzburg einquartiert war, zog im September 1941 auf eigenen Wunsch in das jüdische Altenheim nach Frankfurt a.M. in die Feuerbachstraße 14.

Nur einen Monat später, am 20. Oktober 1941, fand die erste große Deportation von über 1.000 Menschen von Frankfurt a.M. in das Durchgangslager Litzmannstadt (?ód?) statt. Etwa 20.000 Menschen wurden zu dieser Zeit aus verschiedenen Städten innerhalb von gut zwei Wochen dorthin deportiert. Auf der Frankfurter Deportationsliste stand auch der 61-jährige Hugo Sichel mit seiner Ehefrau Martha. Sie wurden an einem unbekannten Ort ermordet.

Anna Sichel, die Mutter von Hugo, fand nach ihrer Deportation nach Theresienstadt im August 1942 einen Monat später den Tod in Treblinka.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, 305, 306 und 2, S. 551, 552, 604, 630;
Roland Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mit einem Beitrag von Ursula Gehring-Münzel, 2. erw. Aufl., Würzburg 1996, S. 258, 259, 277, 285;
Peter Körner, Biographisches Handbuch der Juden in Stadt und Altkreis Aschaffenburg, S. 205;
Staatsarchiv Würzburg, Vermögenskontrollakte Finanzamt Würzburg 3323;
Archiv der Stadt Würzburg, Adressbücher, Meldebögen;
Archiv der Stadt Gemünden, Verzeichnis der Stadt Gemünden heimatberechtigter Personen, Band 3, O – Z, S. 88;
Stadt Frankfurt am Main, Institut für Stadtgeschichte, Stadtarchiv ab 1868, Adressbücher, Transportlisten;
Stadt Frankfurt, Judendeportationen von Oktober 1941 bis Juni 1942, www.ffhist.de/ffm33-45/portal01/portal01.php?ziel-t_m-deportationen_1941_42 (26.06.2016);
Arbeitgeberverband der Bekleidungsindustrie, Aschaffenburg und Unterfranken e.V., Korr. 10.06.2014;
Persönliche Mitteilung Peter Stiefel (Enkel von Hugo Sichel), Konstanz;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/961078 (26.06.2016).


Foto: Peter Stiefel, Konstanz.
Autorin / Autor Martina Buller
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