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Martha Sichel, geb. Sußmann

 
geboren am 16.11.1881 in Tauberbischofsheim/Baden
Straße  Bismarckstraße 13
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum19.10.1941
Todesdatumunbekannt
Todesortunbekannt
   
Deportiert am 19.10.1941 von Frankfurt a.M. nach Litzmannstadt (Lodz), Todesdatum und -ort unbekannt.
Kein Stein verlegt
   
Martha Sichel kam am 16.11.1881 als erstes Kind des Kaufmanns Julius Sußmann (1852-1919) und seiner Ehefrau Fanny, geb. Sondheimer (1857-1940), im badischen Tauberbischofsheim zur Welt. Sie verbrachte dort auch ihre Schul- und Jugendzeit. Ein Jahr nach ihr wurde ihr Bruder Fritz geboren. Erst als ihr Vater zusammen mit seinem Bruder Emil Sußmann (1859-1938) - beide waren Teilhaber der elterlichen Schuhgroßhandlung M.S. Sußmann in Tauberbischofsheim - den Firmensitz nach Würzburg verlegten (um 1898), zog die vierköpfige Familie dort in die Bismarckstraße 14. Martha war zu diesem Zeitpunkt gerade 17 Jahre alt.
Im Alter von 23 Jahren heiratete sie im September 1904 den jungen Kaufmann Hugo Sichel (Jg. 1880), dessen Elternhaus in direkter Nachbarschaft zu den Sußmanns in der Bismarckstraße 13 lag. Die beiden Familien kannten sich also. Das junge Paar richtete sich in der Villa in der Bismarckstraße 13 ein. Dort lebte Marthas Schwiegermutter Anna Sichel (1859-1942) seit 1901 als Witwe. Nach vierjähriger Ehe hatte Martha 1908 eine Totgeburt, bevor sich erst nach weiteren vier Jahren ihr Wunsch nach einem gesunden Kind erfüllte: Sie bekam am 2.12.1912 ihre Tochter Margot.
Der Erste Weltkrieg forderte auch von Martha große Entbehrungen. Ihr Ehemann Hugo musste Kriegsdienst leisten (1914-1918) und seine Familie sowie die Firma zurücklassen. Doch er hatte Glück und überlebte als Kriegsteilnehmer mit einigen Auszeichnungen. Ein Jahr später starb Marthas Vater Julius Sußmann, der bis zuletzt im Nachbarhaus gewohnt hatte.
Martha und Hugo Sichel waren sehr angesehene Bürger und Geschäftsleute in Würzburg. Beide waren Mitglieder im Jüdischen Kulturbund in der Israelitischen Kultusgemeinde.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begann auch die Diskriminierung jüdischer Würzburger Bürger. Sie wurden gedemütigt, sozial isoliert und ihrer Existenz beraubt. Wahrscheinlich, um ihr das zu ersparen, ermöglichte das Ehepaar Sichel seiner Tochter Martha um 1933/34 einen Aufenthalt in Cambridge/ England. Ob sie dort eine Ausbildung oder ein Studium machte, ist nicht bekannt. Der Erwerb von Englisch-Kenntnissen war auf jeden Fall gut für eine spätere Emigration.
Durch immer schärfere antijüdische Gesetze wurde auch die Familie Sichel gezwungen, ihr privates wie geschäftliches Eigentum zu verkaufen - meist weit unter dem üblichen Wert.
Zuerst betraf es das Wohnhaus in der Bismarckstraße 13. Es wurde im Juni 1936 „arisiert“. Die Tuchgroßhandlung Klau & Sichel musste im Dezember 1937 und die Zweigstelle in Frankfurt a.M. im November 1938 verkauft werden. Das Wohn- und Geschäftshaus in der Kaiserstraße 26 verloren sie im Februar 1938. Zwei Monate später ging dann auch die Damenoberbekleidungsfabrik Klau & Sichel in Aschaffenburg mit der Filiale in Köln an „arische“ Inhaber über und das Gartengrundstück mit Gartenhaus im Ständerbühl in Würzburg wechselte ebenfalls den Besitzer.
Seit September 1937 lebte Martha Sichel mit ihrer Familie jedoch nicht mehr in Würzburg, sondern in der Elsa Brandström- Straße 3 in Frankfurt a.M. Sie hofften wohl auf die Anonymität der Großstadt, zudem gab es dort eine sehr große jüdische Gemeinde. Verbindungen nach Frankfurt bestanden durch die ehemalige Zweigstelle dort seit langem. Nach dem Umzug in die Beethoven Straße 40 im Frankfurter Westend bemühten sich Martha und Hugo Sichel vergeblich um eine Ausreise in die USA. Doch nur der Tochter Margot gelang die Emigration um 1939 nach England, musste aber bald wieder nach Deutschland zurückkehren. Von dort emigrierte sie nach Südrhodesien/Afrika. Sie überlebte den Holocaust.
Marthas Familie in Würzburg hatte ebenfalls unter der NS-Politik zu leiden. Nach der „Arisierung“ seiner Würzburger Schuhgroßhandlung M.S. Sußmann gelang es Marthas Bruder Fritz Sußmann und seiner Frau Hedwig, die ebenfalls an der Bismarckstraße gewohnt hatten, im August 1939 nach Großbritannien zu emigrieren. Beide überlebten. Auch der Mutter Fanny blieb die Deportation erspart, da sie um 1940 83-jährig in Würzburg verstarb.
Die Schwiegermutter Anna Sichel, die längst das Haus in der Bismarckstraße 13 hatte räumen müssen und seit 1941 im jüdischen Altenheim in Würzburg einquartiert war, stellte im September 1941 einen Antrag auf Umzug in das jüdische Altenheim in der Feuerbach-Straße 14 in Frankfurt. Sie wollte wohl in der Nähe ihrer Kinder sein.
Aber kaum einen Monat später, am 19.10.1941, fand die erste große Deportation von Frankfurt nach Litzmannstadt (Lodz) statt. Sie betraf schwerpunktmäßig jüdische Bewohner des Stadtteils Westend, weil der Gauleiter die häufig gut ausgestatteten Wohnungen in begehrter Lage für Parteigenossen sichern wollte. Über 1000 Menschen wurden deportiert - unter ihnen die 60-jährige Martha Sichel mit ihrem Ehemann Hugo. Sie wurden zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet. Anna Sichel deportierte man etwa ein Jahr später nach Theresienstadt; sie wurde wenig später in Treblinka ermordet.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, 305, 306 und 2, S. 551, 552, 604, 630;
Roland Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mit einem Beitrag von Ursula Gehring-Münzel, 2. erw. Aufl., Würzburg 1996, S. 258, 259, 277, 285;
Peter Körner, Biographisches Handbuch der Juden in Stadt und Altkreis Aschaffenburg, S. 205;
Staatsarchiv Würzburg, Vermögenskontrollakte Finanzamt Würzburg 3323;
Archiv der Stadt Würzburg, Adressbücher, Meldebögen;
Archiv der Stadt Gemünden, Verzeichnis der Stadt Gemünden heimatberechtigter Personen, Band 3, O – Z, S. 88;
Stadt Frankfurt am Main, Institut für Stadtgeschichte, Stadtarchiv ab 1868, Adressbücher, Transportlisten;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de (15.08.2014);
Stadt Frankfurt, Judendeportationen von Oktober 1941 bis Juni 1942;
www.ffhist.de/ffm33-45/portal01/portal01.php?ziel-t_m-deportationen_1941_42 (11.08.2014);
Arbeitgeberverband der Bekleidungsindustrie, Aschaffenburg und Unterfranken e.V., Korr. 10.06.2014;
Persönliche Mitteilung Peter Stiefel (Enkel von Martha und Hugo Sichel), Konstanz.
Foto: Peter Stiefel, Konstanz.
Autorin / Autor Martina Buller
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