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Anton Härth

 
geboren am 05.03.1896 in Unterleinach
Straße  Kirchgasse 2 II
Stadtteil Heidingsfeld
Deportationsdatum22.11.1940
Todesdatum22.11.1940
TodesortPirna-Sonnenstein
   
* 1896, Unterleinach.
Eltern:Valentin H. (Maurer) u. Anna-Maria, geb. Weidner, beide gest. in Unterleinach
Schwestern:Alban Margareta, Wü, Kirchgasse 2 u. Fröhlich Adelheid, Randersacker,
1908-1934: Heidingsfeld, Kirchgasse 2 II.
1910-1913: Lehre als Glaser, ohne Abschluss.
Ca. 1911/12: Schwerer Unfall durch tiefen Sturz mit Schädigungen des Gehirns.
1913-1916: Tätigkeiten als Glaser in Würzburg und Umgebung.
1916: Soldat.
Vor Anfang 1919: Gefängnis wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe.
1919-1929: Erneut Tätigkeit als Glaser in Würzburg und Umgebung.
Ab 1929: Arbeitslosigkeit, Trunkenheit.
Ab 1932: Fanatischer Anhänger einer extrem-religiösen Gruppe, dem 'Bund der Menschenfreunde'. Ende der Trunkenheit.
Anfang 1934: Auffälligkeit und erstmals ärztliche Betreuung wegen Schizophrenie.
8/1934-1/1935: Heil- und Pflegeanstalt Reichenau bei Konstanz.
1/1935-10/1940: Kreispflegeanstalt Werneck Nr.6267.
7/1935: Zwangssterilisation.
10-11/1940: Deportation in die Zwischenanstalt Großschweidnitz.
22.11.1940: Deportation in die Tötungseinrichtung Pirna-Sonnenstein und Ermordung.
   
Anton Härth wurde 1896 als Sohn eines Ehepaares aus Unterleinach dort geboren. Sein Vater starb als Anton 27 Jahre, seine Mutter als er 31 Jahre alt war. Er hatte zwei Schwestern. Die ganze Familie zog 1908, als Anton also 12 Jahre alt war, nach Heidingsfeld in die Kirchgasse 2 II. Hier lebte er bis 1934 für 26 Jahre vor seiner Zeit in Heimen.
Zunächst ging der Junge in Unterleinach zur Schule und war dort, jedenfalls nach seinen eigenen Angaben, ein mittelmäßiger Schüler. Rückblickend beschreibt seine Schwester den Heranwachsenden als lustigen Menschen, der in seiner Jugend nur an der Musik hing und das Lesen liebte. 1910 bis 1913 machte Anton Härth eine Lehre als Glaser ohne Abschluss. Während dieser Zeit, ca. 1911/12, stürzte er von einem Glasdach sieben Meter in die Tiefe, brach sich ein Bein und war lange Zeit bewusstlos in der Klinik. Laut rückblickender Aussage seiner Schwester war er dann nicht mehr wie zuvor. Nach der (nicht abgeschlossenen) Lehre arbeitete Anton Härth noch ein Jahr in demselben Betrieb. Dann wurde ihm gekündigt. Anschließend arbeitete er an verschiedenen Stellen in Würzburg und Umgebung als Glaser. 1916 wird er als Soldat eingezogen und an der Front in Russland eingesetzt, später in Rumänien und Frankreich. Dort entfernt er sich unerlaubt von der Truppe und erhält 14 Monate Gefängnis. Im Zuge der Revolution wird er Anfang 1919 aus dem Gefängnis entlassen. Danach ist er wieder als Glaser in Würzburg und Umgebung tätig; zeitweise aber auch arbeitslos. Zwischen August 1929 und seinen Anstaltsaufenthalten ab 1934 ist er nur noch Gelegenheitsarbeiter als Glaser und Gärtner in Heidingsfeld. Seit 1932 hält er sich auch viel in Wirtschaften auf, trinkt täglich vier halbe Liter Bier und am Wochenende auch sechs bis sieben Halbe pro Tag. In den Kneipen tritt er auch als Komiker auf. Er wird dort ‚Na-poleon‘ genannt.
Seit 1930 erkennt Anton Härth in sich die Gabe, öffentlich zu reden. Er tritt in Heidingsfeld in den Gassen auf und predigt. Christi Himmelfahrt 1932 wird er vom ‚Bund der Menschenfreunde‘ „entdeckt“ und aufgenommen. Dabei handelt es sich um eine religiöse Gemeinschaft mit der Selbstbezeichnung ‚Menschenfreundliches Werk‘ bzw. ‚Menschenfreundliche Gesellschaft‘ bzw. kurz ‚Menschenfreunde‘. Gemäß deren ‚Sendbote‘, einem ehemaligen Zeuge Jehova, ist die Nächstenliebe das „Weltallgesetz“, durch das das Reich Gottes auf Erden errichtet wird. Der ‚Menschenfreund‘ lebt in Endzeiterwartungen gemäß dem biblischen Buch der Offenbarung des Johannes. Seit 1933 gehört der Gemeinschaft auch Schloss Steinberg nahe Neustadt a.d.Saale in Franken.
Anton Härth hört jetzt auf zu trinken; geht ab da zwei Mal pro Woche zu den Versammlungen dieser Gemeinschaft sowie jeden Morgen von 6.30-7.45 Uhr. Einmal sieht er im Traum den „Sendboten“ zusammen mit Adolf Hitler, wobei Hitler dem Vorsteher der ‚Menschenfreunde‘ die Hand geschüttelt hat. Anton Härth deutet den Traum so, dass er selbst berufen sei und mit dem „Sendboten“ einmal zusammen kommen werde. Jetzt sei seine Zeit gekommen. Um dem Vorsteher dieser Gemeinschaft zu begegnen, geht Anton Härth im Herbst 1933 zu Fuß von Würzburg über Nürnberg, München und Landshut – eigentlich ein erheblicher Umweg – bis nach Schloss Sternberg, wo ein neues Heim der genannten Gemeinschaft ist. Während dieser Zeit wird die Gemeinschaft im NS-Regime aufgehoben, Anton Härth im Schloss Sternberg festgenommen und im nahen Neustadt a. d. Saale drei Wochen in sogenannte Schutzhaft genommen.
Ab Anfang 1934 – er ist jetzt 38 Jahre alt – ist die medizinisch-psychiatrische Betreuung von Anton Härth belegt. Gemäß dem Bezirksarzt von Würzburg leidet Anton Härth an „Schwachsinn, möglicherweise auch an Schizophrenie“. Es wird Sterilisierung empfohlen.
Im Mai 1934 hat Anton Härth erneut Reisegedanken. Bald wird er die laufende Arbeitslosen-Unterstützung, die er in Würzburg regelmäßig erhielt, auf dem Amt nicht mehr abholen. Er verlässt Heidingsfeld endgültig und bricht zu einer erneuten Reise mit dem Ziel auf, dem Vorsteher der oben genannten Gemeinschaft zu begegnen. Dieser Vorsteher hält sich zu der Zeit in der Schweiz auf. In Konstanz wird Anton Härth dann aufgegriffen.
Damit beginnt ab ca. September 1934 das Leben von Anton Härth in den Heil- und Pflegeanstalten bei Kontanz und Werneck. Von August 1934 bis Januar 1935 ist er in der Anstalt Reichenau bei Konstanz, aufgenommen auf Initiative des Fürsorgeamtes Konstanz mit der Diagnose „Schizophrenie, nicht nur Schwachsinn“. Anton Härth schreit, wenn er spricht. Er arbeitet als Korbflechter „sehr fleißig und brauchbar“, schimpft zeitweise heftig. Im September 1934 stellt die Anstalt Konstanz beim Erbgesundheitsgericht Konstanz einen Antrag auf Unfruchtbarmachung von Anton Härth. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen des Bezirksfürsorgeamtes Konstanz-Stadt Anton Härth in eine „billigere“ Kreispflegeanstalt zu verlegen. Doch hält die Anstalt Reichenau den Patienten hierfür „noch nicht … geeignet“. Zwei Monate später erwägt auch der Bezirksfürsorgeverband Würzburg-Stadt, Anton Härth in die „billigere“ Kreispflege-anstalt Werneck zu verlegen und dies, noch bevor er sterilisiert ist. Diese Verlegung hat der Landesfürsorgeverband Unterfranken mit Sitz in Würzburg zu veranlassen, der sich später bereit erklärt, die Pflegekosten für Härths Aufenthalt bei Konstanz und in Werneck zu tragen. Von Januar 1935 bis Oktober 1940, also 5 ½ Jahre, lebt Anton Härth dann in der Anstalt Werneck. Als Einblick in seine damalige psychisch-geistige Situation sei die folgende Niederschrift aus seiner Krankengeschichte vom 9./10.01.1935 geboten: „Spricht sehr laut und in burschikoser Weise. Er sei Napoleon der 1., er werde eine neue Erde schaffen. Auf die Frage des Arztes, wie er zu dem Namen Napoleon gekommen sei, erwiderte er, diesen Namen habe er sich verdient, weil er sehr fleißig gearbeitet habe. Das Liegen im Bett könne er nicht vertragen, er wolle arbeiten, er sei ja von der Regierung hierher versetzt worden, um den Leuten das Arbeiten beizubringen. Er könne alle Ar-beiten, von den einfachsten bis zu den schwierigsten. Er sei auch Prophet und Herrgott, er sei sein eigener Herrgott. 10. Januar. Äusserst geschwätzig, lebhaft, in euphorisch, läppisch-heiterer Stimmung. Spricht den reinen Wortsalat, wenn er einmal im Sprechen ist. … antwortete auf die Frage, wie alt er sei? ‚Jetzt bin ich 39 [richtig: 38, DF], ich war aber auch schon 350 Jahre alt, wie mans nimmt ist der eine dick der andere fett und so geht es in Spanien und Ma-rokko, wie halt der eine geschaffen ist.‘ Patient spricht viel von einen ‚Sendbo-ten‘, den er zu suchen habe, oder der er selber sei. Er habe die Aufgabe, die Menschen zum neuen Glauben zu führen. Der Teufel habe ihm aber schon viele Streiche gemacht. Es gebe verschiedene Teufel. Jeder Mensch habe einen eigenen Teufel. Zuerst müsse bei jedem Menschen der Teufel ausgetrieben werden. Er sei Prediger, Sendbote, menschlich und göttlich zugleich.“ Hier begegnet uns ein Mensch mit mehrfach gespaltener Persönlichkeit, gespalten sowohl in seiner personal-sozialen (irdischen) als auch in seiner religiösen (transzendentalen) Identität. Er selbst interpretiert seine Krankheit als Besessenheit, die eines Exorzismus bedürfe. Diesen Zustand sieht er bei allen Menschen gegeben. Auffallend ist sein positives Arbeitsethos, das sich auch in seiner Anstaltsbiografie durchgehend zeigt. Die Tatsache, dass er in Werneck immer wieder in heiterer Stimmung beschrieben wird, übrigens auch ein Liederbuch mit sich führt, gelegentlich Mundharmonika spielt und täglich ein Blatt der Zeitung liest, erinnert an die oben erwähnte Beschreibung des Kindes Anton durch seine Schwester. Offenbar haben sich frühe persönliche Merkmale und Neigungen trotz seiner schweren Krankheit durchgehalten.
Während seines über fünfjährigen Aufenthalts in Werneck arbeitet Anton Härth zunächst „sehr fleißig“ als Korbflechter. Er hat sich bald gut eingewöhnt. Auch sein körperlicher Zustand ist sehr gut. Im Juli 1935 wird er in der Chirurgischen Universitätsklinik Würzburg, dem Luitpoldkrankenhaus, zwangsweise sterilisiert, da seine Krankheit als „erblich“ gilt. Damit beginnt sein Verfall. Schon im Dezember 1935 war ihm anspruchsvollere Arbeit nicht mehr möglich; er geht nur noch „mit zu leichteren Arbeiten“. Doch gilt er noch 1938 als „fleißiger Hausarbeiter“ bzw. 1939 als „fleissiger Bodenaufwascher“.
Am 4.10.1940 wird Anton Härth „wegen Räumung der Anstalt Werneck“ zu Kriegszwecken in einem Sammeltransport gemeinsam mit 61 Wernecker Patienten nach Großschweidnitz deportiert. Großschweidnitz war eine Zwischenanstalt des Tötungszentrums in Pirna-Sonnenstein, die gebraucht wurde, um die tägliche Zuweisung von Opfern in die Tötungseinrichtung zu koordinieren. Mit dieser Deportation Härths in die ‚Zwischenanstalt‘ Großschweidnitz war die Ermordung von Anton Härth also bereits beschlossene Sache. Während den ca. sieben Wochen Aufenthalt in dieser Anstalt „hält sich Anton Härth meist für sich, ist mitunter eigenwillig, verweigert das Essen, wenn nicht genug in der Schüssel ist“.
Am 22.11.1940 kommt Anton Härth wiederum in einem Sammeltransport von Großschweidnitz in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein und wird dort noch am gleichen Tag im Alter von 44 Jahren ermordet.
Anton Härth musste sterben, (1) weil die Nazis dem Wahn anhingen, es gelte eine klinisch saubere deutsche Bevölkerung herzustellen und (2) um Kosten für den Krieg zu sparen. Dem Standesamt Leinach meldeten sie falsch: „H[ärth] gestorben 2.12.40 Nr. 509 Sonnenstein / Sa[ale]“; so heute zu lesen als Nebeneintrag im Leinacher Geburtsregister. Der Tod wurde nachdatiert, um zur Verschleierung des Verbrechens beizutragen und damit das Reich vom Bezirk Unterfranken 15 Tage länger Pflegegeld kassiert. Für Pflegegelder von ca. 250.000 Ermordeten je 15 Betrugstage, einem Wert von ca. 850.000 Reichsmark, konnte Hitlerdeutschland gewiss manchen Panzer kaufen.
Das Leben und Sterben von Anton Härth sollte uns heute Mahnung sein, Menschen nie wieder nach ihrem Wert für die Gemeinschaft zu behandeln und ohne Einschränkung zu beherzigen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.
Dieter Fauth, Stand 19.09.2015, vorgetragen bei der Verlegung des Stolpersteins für Anton Härth vor dem Haus in Heidingsfeld, Kirchgasse 2 II am 20.09.2015.
   
Quelle Patientenakte zu Anton Härth aus der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz, heute im StaatsA Freiburg B 822/1, Nr. 1481: [Patientenakten betreffend] Härth Anton … (Laufzeit 1934-1935, 58 S.). - Patientenakte zu Anton Härth der Heil- und Pflegeanstalt Werneck, heute im BundesA Berlin R 179-3193 (Laufzeit 1935-1940; 7 S. + Portraitaufnahme) Hess. Staatsarchiv Wiesbaden
Autorin / Autor Dieter Fauth
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