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Dr. Claire (Klara) Müller, geb.Less

   
geboren am 22.08.1902 in Berlin
Straße  Innerer Graben 45
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatumunbekannt
TodesortAuschwitz
   
deportiert am 23.09.1942 nach Theresienstadt, Weitertransport am 06.10.1944 nach Auschwitz, dort wahrscheinlich wenig später ermordet
   
Dr. Claire (Klara) Müller wurde am 22. August 1902 in Berlin geboren. Ihr Vater, der Sanitätsrat Louis Less (1860-1917), stammte aus Rößel bei Königsberg und war der Sohn von Isaak Less (Jg.1831) aus Zempelburg und dessen Ehefrau Therese, geb. Grün (Jg.1839) aus Johannisburg. Ihre Mutter Margarethe Less, geb. Graff (1872-1936) kam aus Neudamm bei Küstrin.

Die Eltern ließen sich in Berlin, Perleberger Straße 29 nieder, wo ihr älterer Bruder Ernst am 30. Juni 1894 und vermutlich auch Claire geboren wurde. Als Claire fast 15 Jahre alt war, starb ihr Vater Louis Less im Alter von 57 Jahren am 11. Juli 1917 in Berlin.

Nach dem Abitur studierte Claire wahrscheinlich an der Humboldt Universität zu Berlin, schloss ihr Studium in Pharmazie erfolgreich ab und promovierte auch in diesem Fach. Im Alter von 27 Jahren (um 1929) heiratete sie in Berlin den 26-jährigen Juristen Dr. jur. et rer. pol. Adolf Müller. Dieser war am 9. Oktober 1903 als einziges Kind des Würzburger Weinhändlers Max Müller (1887-1954) und seiner Ehefrau Selma, geb. Silberschmidt (1878-1927), in Würzburg geboren.

Es ist anzunehmen, dass sich die beiden während ihres Studiums kennenlernten, da er einen Teil seines Studiums in Berlin absolvierte. Adolf Müller promovierte 1927 in Würzburg im Alter von nur 24 Jahren. Ihm stand eine glänzende berufliche Karriere bevor. Ob Claire jemals in ihrem Beruf arbeitete, ist dagegen unbekannt. Nach der Hochzeit zogen die Eheleute zunächst nach Würzburg. Ob sie in dem Elternhaus ihres Ehemannes im Mittleren Dallenbergweg 19 unterkamen, ist ungewiss.

Claire und Adolf Müller waren Mitglieder im Würzburger Verschönerungsverein. Am 28. August 1930 brachte Claire ihre einzige Tochter Renate zur Welt. 1931 zog die junge Familie nach Altötting, denn Adolf Müller erhielt dort seine erste Anstellung als Gerichtsassistent am Amtsgericht. Bereits nach kurzer Zeit folgte die Anstellung als Amtsanwalt am Amtsgericht Stadtamhof, einem Stadtteil von Regensburg, und wenig später (um 1932) als Amtsanwalt bei der Staatsanwaltschaft in Regensburg. Die Familie zog nach Regensburg in die Walderdorffstraße 11.

In dieser Zeit (um 1932) fand die zweite Hochzeit des Schwiegervaters Max Müller in Würzburg statt. Seine zweite Ehefrau Lina, geb. Sya (Jg.1880), stammte aus Clemensdorf in Böhmen und war nichtjüdisch. Diese Verbindung in einer sog. „Mischehe“ rettete ihm wohl letztendlich das Leben.

Die berufliche Karriere von Claires Ehemann endete jäh im Zuge der Entlassung jüdischer Staatsbediensteter im April 1933. Im Alter von 29 Jahren wurde Adolf Müller zu 1. Mai 1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Die Familie verlor ihre Existenzgrundlage und lebte notdürftig von einer Unterstützung durch ein sog. Übergangsgeld. Sie verließ schon am 24. April 1933 Regensburg und zog nach Würzburg zurück. Zweieinhalb Jahre später, am 11. Oktober 1935, verstarb Adolf Müller im Alter von nur 32 Jahren an den Folgen einer Lungenkrankheit in einer Klinik in Schömberg im Schwarzwald. Renate und ihre Mutter Claire befanden sich bald in einer hoffnungslosen Situation.

Ihre Mutter Margarethe Less, die zuletzt bei ihrem Sohn Dr. Ernst Less in Berlin in der Perlebergerstraße 29 gemeldet war, starb ein knappes Jahr später (03.10.1936) im jüdischen Krankenhaus in Berlin. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee neben ihrem Ehemann Louis Less beigesetzt.

Ob Claire für sich und ihre Tochter jemals einen Ausreiseantrag stellte, ist unbekannt. Dagegen gelang ihrem Bruder Dr. Ernst Less im Oktober 1938 noch rechtzeitig die Emigration mit unbestimmtem Ziel.

Im Novemberpogrom 1938 wurde der Schwiegervater Max Müller wie viele Würzburger Juden festgenommen. Etwa sechs Wochen musste er im KZ Dachau verbringen und für die Freilassung seine Weinhandlung Fa. Adolph Müller in der Bibrastraße 25 liquidieren. In dieser Zeit war Claire Müller zusammen mit Renate im Inneren Graben 45 gemeldet. Wenig später erkrankte sie sehr schwer, musste sich operieren lassen und erlitt eine Lungenembolie. Hiervon hat sie sich nie wieder richtig erholt.

Claire, die in den Akten ab jetzt meist mit dem Namen Klara und ohne Titel geführt wird, wurde wie andere Juden aus ihrer Wohnung vertrieben. Mit ihrer Tochter Renate zog sie um 1940 in ein sog. „Judenhaus“ in der Friedenstraße 26 um. Für ihren Lebensunterhalt verkaufte sie Einrichtungsgegenstände, die sie in den beengten Wohnverhältnissen ohnehin nicht mehr brauchen konnte. Die Versteigerung der Gegenstände musste sie sich wie im Oktober 1941 von der Gestapo genehmigen lassen. Seit April 1942 lebten Claire und ihre Tochter in sehr beengten, ärmlichen Verhältnissen im jüdischen Kranken- und Pfründnerhaus in der Dürerstraße 20, wo Claire Müller auch als Angestellte arbeitete.

Unter den gegebenen Umständen scheint Claire Müller sich darum bemüht zu haben, nach Theresienstadt und nicht in ein anderes Lager oder KZ im Osten deportiert zu werden. Von ihrem Arzt Dr. Sally Mayer ließ sie sich am 3. September 1942 bestätigen, dass sie „häufig krank und schwerer körperlicher Arbeit nicht gewachsen sei“. Zugleich verkaufte sie einen Teppich, um mit anderen Ressourcen genügend Kapital für einen sog. „Heimeinkaufsvertrag H“ zusammen zu bringen, der ihr und ihrer Tochter umfassende Versorgung in Theresienstadt versprach.

Kurz darauf, am 23. September 1942, wurden Claire und Renate Müller über Nürnberg nach Theresienstadt deportiert und erkannten wohl nach ihrer Ankunft auf den ersten Blick, um welchen Betrug es sich bei diesem Vertrag handelte. Denn die Lebensbedingungen im Lager waren unsäglich, gerade die alten Menschen starben oft schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft.

Es ist anzunehmen, dass Renate getrennt von ihrer Mutter in einem der Häuser für Kinder untergebracht wurde. Wie Claire Müller es schaffte, trotz geschwächter Gesundheit den Lageralltag über zwei Jahre zu bestehen, grenzt an ein Wunder. Nach einer qualvollen Zeit folgte für Claire und Renate Müller am 6. Oktober 1944 der Weitertransport in das Todeslager Auschwitz, wo sie wahrscheinlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Dr. Claire Müller wurde 42 Jahre alt.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 8125;
Stadtarchiv Würzburg, Meldebögen, Adressbücher;
Stadt Regensburg, Amt für Archiv und Denkmalpflege, Meldebögen;
Stadtarchiv München, Korrespondenz;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Rep. 36 A (II) Nr. 21921;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 397, 398; T. 2, S. 561;
Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Korrespondenz;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/933397 (21.06.2016);
Datenbank der Holocaust Opfer aus den böhmischen Ländern und von Häftlingen im Theresienstädter Ghetto aus Europa, http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/25809-klara-m-ller/ (21.06.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich. Würzburg - Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 23.09.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/II26-16.jpg (21.06.2016).
Autorin / Autor Martina Buller
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