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Eduard Paim

 
geboren am 19.08.1918 in Worms
Straße  Bibrastraße 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum31.07.1944
Todesdatumunbekannt
Todesortvermutlich Auschwitz-Birkenau
   
Ende 1938 Flucht aus Deutschland über Luxemburg nach Belgien; deportiert am 31. Juli 1944 vom belgischen Sammellager Malines (Mechelen) nach Auschwitz-Birkenau und dort vermutlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet
   
Eduard Paim wurde am 19. August 1918 als Sohn jüdischer Eltern in Worms geboren. Sein Vater Leo (Leiser) Paim (geb.1889 in Chruszczobrod) war russischer Einwanderer. Seine Mutter Mathilde geb. Dollmann (geb.1886) stammte aus Elberfeld. Eduard hatte drei Geschwister, seine älteren Schwestern Ruth (geb. 6.2.1915 in Osthofen) und Bertha (geb. 11.6.1916 in Worms) und seinen jüngeren Bruder Siegfried (geb. 11.9.1925 in Ichenhausen).

Als er ein Jahr alt war, zogen die Eltern mit ihm und seinen Schwestern aus Worms nach Ichenhausen in die Nähe des schwäbischen Günzburg. Hier gab es eine große und altehrwürdige jüdische Gemeinde. Auch Eduards Onkel Salomon, der ältere Bruder seiner Mutter, lebte hier mit seiner Frau und drei Töchtern.

Eduard wuchs bis zu seinem 16. Lebensjahr in Ichenhausen auf. Nach Abschluss der Schule entschied er sich, den Beruf des Lehrers zu ergreifen. Im April 1934 zog er dafür nach Würzburg und begann eine dreijährige Ausbildung an der „Israelitischen Lehrerbildungsanstalt“ (ILBA). Er war einer von 245 Seminaristen, die zwischen 1915 und 1938 dort ihr Examen ablegten. Mit 27 anderen Studenten belegte er den sog. „Übergangskurs“. Dieser war vor dem Hintergrund der wachsenden Anfeindungen gegen Juden in Würzburg eigens eingerichtet worden. Die angehenden Lehrer sollten mit neuen pragmatischen Leitlinien durch spezielle Fächer wie „Palästinakunde“ oder Neuhebräisch auf eine möglicherweise bald bevorstehende Auswanderung vorbereitet werden.

Die ILBA hatte im Juni 1931 ein neues Gebäude an der Sandbergerstr. 1 bezogen, das heute von der David-Schuster-Realschule genutzt wird. Eduard lebte während seiner Seminaristen-Zeit in der „Bibra“, dem Wohnheim im Gebäude der alten ILBA in der Bibrastr. 6, das seit den 1880er Jahren für Unterrichtszwecke genutzt worden war.

Laut Gestapoakte war Eduard während seiner Zeit in Würzburg Mitglied in zwei Vereinen der Israelitischen Kultusgemeinde: dem zionistisch-orthodoxen Bund junger Pioniere („Brith Chaluzim Datiim“), der sich im obersten Stock der Domerschulstr. 19 zu Vorträgen, gemeinsamen Schabbat-Feiern und Sprachkursen traf. Außerdem war er Mitglied im jüdischen Turn- und Sportverein (Itus), der für gewöhnlich die Turnhalle der „Bibra“ als Vereinszentrum nutzte, bis 1936 aber auch über einen eigenen Sportplatz in Zell am Main verfügte.

Nach erfolgreichem Abschluss seines Examens kehrte Eduard Paim im März 1937 vorübergehend zu den Eltern nach Ichenhausen in die Friedrich-Jahn-Str. 3 zurück. Vermutlich hat ihn die immer prekärer werdende Situation für Juden in Deutschland dazu bewogen. Denn nur drei Wochen später zog er weiter nach Issel, einen Ortsteil von Schweich an der Mosel, das bei Trier in günstiger Grenznähe zu Luxemburg lag. Hier bestand wie in Ichenhausen eine alte jüdische Gemeinde.

Bis zu den reichsweiten Pogromen im November 1938 wohnte Eduard in der Hauptstr. 56. In NS-Unterlagen ist vermerkt, dass er in dieser Zeit „polit. nicht hervorgetreten“ sei. Als er zuzog lebten im Stadtteil Issel rund ein Dutzend jüdische Gemeindemitglieder. Vermutlich arbeitete er dort als Lehrer.

Am 10. November 1938 trafen die organisierten Gewaltausbrüche der Nationalsozialisten auch die jüdischen Bewohner in den Gemeinden Ichenhausen und Issel. Eduards Vater wurde mit mind. 28 anderen jüdischen Männern ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Am 17. Januar 1939 entließ man ihn nur unter Auflagen. Von den brutalen Vorgängen im Ort und der Inhaftierung seines Vaters alarmiert, unternahm Eduard vier Wochen später die Flucht über die deutsch-luxemburgische Grenze nach Belgien, das er am 15. Dezember 1938 erreichte.

Bis zu seiner Deportation, im Juli 1944, lebte er in Brüssel in der 73, Rue Vandenboogaerde im Stadtteil Molenbeek-Saint-Jean. Hier lernte er auch Maria Troquet kennen und verlobte sich mit ihr. Sie wohnte im gleichen Viertel in der 73, Rue de la Meuse.

Etwa 90% der jüdischen Bevölkerung Belgiens lebten in den Ballungszentren Brüssel und Antwerpen, weshalb die SS die auf halber Strecke liegende Dossin-Kaserne in Mechelen (Malines) zum Sammellager für Juden auserkor. Der Großteil der Juden auf belgischem Gebiet (etwa 17.000) wurde zwischen August und Oktober 1942 von dort vor allem in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die verbliebenen Juden versuchten unterzutauchen, um sich der Vernichtung zu entziehen. Doch bis zur Befreiung Belgiens im September 1944 wurden noch weitere 8.000 Juden zusammengetrieben und verschleppt.

Eduard war unter ihnen. Er wurde am 31. Juli 1944 mit dem Transport Nr. 26 von Mechelen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Auf diesen Transport folgten nur noch zwei weitere. Auf der Transportliste wird er als Fabrikarbeiter aufgeführt. Die meisten erhielten in Auschwitz-Birkenau erst gar keine Stammnummer, d.h. sie wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet – so vermutlich auch Eduard.

Auch von seiner Familie überlebte wohl niemand die Deportationen. Seine Eltern wurden am 1. April 1942 mit 80 Ichenhausenern in einem Sammeltransport über Augsburg und München ins polnische Sammellager Piaski bei Lublin deportiert. Die dorthin verbrachten Juden wurden bald darauf in den Vernichtungslagern Sobibór und Be??ec ermordet. Über das Schicksal seiner Schwestern ist wenig bekannt. Ruth verzog 1934 nach Frankfurt am Main und wurde von dort 1942 mit unbekanntem Ziel deportiert. Bertha lebte seit 1935 in Worms. Über ihren und den Verbleib des Bruders Siegfried ist nichts weiter bekannt.

Pate: Stadtjugendring


Quellen
International Tracing Service (ITS), Digitales Archiv
- Alphabetische Liste von Personen, deren Vermögen infolge Auswanderung oder Deportierung verfallen ist (Nachkriegsaufstellung), S. 173 (ID: 11196377)
- Formblattlisten des Landkreises Günzburg (Nachkriegsaufstellung), Ausstellende Behörde Bürgermeisteramt Ichenhausen (ID: 69936420)
- Karteikarten (IDs: 45629833, 45629834, 45629838)
- Transportliste Malines-Auschwitz vom 31.7.1944 (Nachkriegsaufstellung), S. 2 (ID: 1269470)
- Liste von evakuierten Juden aus dem Gestapobereich München, Gau Oberbayern und Schwaben/Neuburg nach den Ostgebieten am 3.4.1942, S. 26 (ID: 11194906)
- Schreibstubenkarteikarte KZ Dachau von Leo Paim (ID: 10720899)
- Zugangsbuch KZ Dachau (ID: 9892577)
Centre for Historical Research and Documentation on War and Contemporary Society, Brüssel (CEGESOMA)
- Karteikarte der Association des Juifs en Belgique Comité local de Bruxelles (l’A.J.B.) Musée Juif de Belgique, Brüssel
- Eintragung im belgischen Judenregister vom 5.12.1940
Service des Victimes de la Guerre, Brüssel
- Transportliste Malines-Auschwitz vom 31.7.1944

Staatsarchiv Würzburg (StAW), Gestapoakte 9224
Stadtarchiv Ichenhausen, 150/Einwohnermeldekartei
Verbandsgemeindeverwaltung Schweich (Auskunft vom 15.7.2015)
   
Quelle Literatur
STEINBERG Maxime/ADRIAENS Ward/SCHRAM Lawrence (Bearb.), Mecheln – Auschwitz 1942-1944: The Destruction of the Jews and Gypsies from Belgium, Bd. 3, Brüssel 2009, S. 286, Foto S. 350 (©Archives générales du Royaume – Police des Etrangers);
BROCKHOFF Evamaria/LECHNER Silvester (Hrsg.), Juden auf dem Lande. Beispiel Ichenhausen. Katalog zur Ausstellung in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen – Haus der Begegnung, 9. Juli bis 29. September 1991, München 1991;
FLADE Roland, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. erw. Aufl., Würzburg 1996, S. 287f.;
STEIDLE Hans, Jakob Stoll und die Israelitische Lehrerbildungsanstalt – eine Spurensuche, Würzburg 2002, S. 62;
STRÄTZ Reiner, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, Bd.2, S. 436.

Online-Ressourcen
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/942455 (21.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=1007025&ind=0 (21.06.2016).

Foto: Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.
Autorin / Autor Dominik Michel
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